fine art contemporary
Ai-Weiwei

Ai Weiwei - Biografie

1957 Peking

Geboren wurde er 1957 in Peking in besten volksrepublikanischen Verhältnissen. Sein Vater Ai Qing war ein berühmter Maler, Schriftsteller und kommunistischer Vordenker, dessen patriotische Gedichte bis heute jedes chinesische Schulkind lernt. Ein Jahr nach Ais Geburt viel sein Vater bei Mao in Ungnade und wurde mit seiner Familie aus Peking verbannt, zunächst in die Mandschurei, später ins westchinesische Xinjiang. So lernte Ai Weiwei von klein auf, was es bedeutet, hungrig und ausgestoßen zu sein.

Erst nach Maos Tod durfte die Familie nach Peking zurückkehren. Als 1978 die während der Kulturrevolution geschlossenen Universitäten wieder geöffnet wurden, schrieb sich der mittlerweile 21-Jährige an der Pekinger Filmakademie ein. In Ais Jahrgang studierten unter anderem Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den achtziger und frühen neunziger Jahren als Regie-Kamera-Team den chinesischen Film revolutionieren sollten – allerdings eine Revolution, die den Rahmen des staatlich Zugelassenen strapazierte, aber nicht sprengte. Ai war dagegen zu keinen Kompromissen bereit.

1979 gründete er mit anderen Künstlern die „Sternengruppe“, die jegliche Einbindung in den offiziellen Kulturbetrieb ablehnte und deshalb schnell unter Druck geriet. Frustriert von den Beschränkungen in seiner Heimat, beschloss Ai auszuwandern. 1981 zog er nach New York und studierte an der Parsons School of Design, beschäftigte sich mit Performance- und Konzeptkunst. Sein Studium finanzierte er sich unter anderem als Straßenkünstler und Fotograf. Wäre nicht 1993 sein Vater erkrankt, wäre Ai wohl noch länger in New York geblieben, doch so kehrte er zwölf Jahre nach seiner Ausreise und vier Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach China zurück.

Er kam in ein Land, in dem viel in Bewegung geraten war, in dem aber auch viele seiner früheren Befürchtungen bewahrheitet hatten. Gewaltige Umbauprojekte – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – prägten das Reformzeitalter. Seine Gewinner wurden gefeiert, die Verlierer ignoriert, und wer die Probleme für größer hielt als die Errungenschaften, galt als Verräter. Ai machte aus seinen Sorgen Kunst, und das erfolgreich. Schon bald gehörte er zu den bestbezahlten Stars der Szene. Doch anders als viele seiner Kollegen machte der finanzielle Erfolg ihn nicht käuflich. Ai wollte frei bleiben – vor allem gegenüber dem Staat. Es war diese persönliche Unabhängigkeitserklärung, die ihn über den Kunstbetrieb hinaus bekannt machte.

Nachdem Peking 2001 den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen hatte, entwarf er zusammen mit dem Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron das „Vogelnest“ genannte Hauptstadion. Doch die spektakuläre Stahlkonstruktion begann kaum, Formen anzunehmen, als Ai sich von den Spielen distanzierte. Als „unerträgliche Propagandaschau der Kommunistischen Partei“ bezeichnete er die Pekinger Olympiade und kündigte an, nicht an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Für die internationalen Medien war dies ein gefundenes Fressen – und auch für Chinas sogenannte „Netzfreunde“, die kritische Internetgemeinde, die stets versucht, Pekings offizielle Selbstdarstellung auszuhebeln.

Bald kursierte das Gerücht, Ai habe mit dem Design Rache für die Verbannung seines Vaters üben wollen und deswegen ein Stadion entworfen, das einer Kloschüssel gleiche. Dass sein Vogelnest daraufhin den Spitznamen „Grosse Toilette“ bekam, war ein Witz nach Ais Geschmack. Schließlich hatte er sein Designstudio FAKE genannt, um den chinesischen Behörden symbolisch den Stinkefinger zu zeigen. Denn hinter dem Namen versteckt sich nicht nur das englische Wort für Fälschung, sondern auch die chinesische Umschrift von „Fuck“, ein Schimpfwort, das Ai im Bezug auf die Parteikader seines Landes gerne, häufig und in vielen Abwandlungen benutzt.

So hat er zum 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober 2009 auf seinem Blog einen „Mittelfinger-Fotowettbewerb“ ausgeschrieben, mit dem Ziel, seine Landsleute zur Schmähung von Herrschaftssymbolen anzustacheln. Durch Olympia rückte Ais Existenz in der virtuellen Welt zunehmend ins Zentrum seines Schaffens. Denn trotz Internetzensur gibt es im chinesischen Netz Spielräume für scharfe Sozialkritik, zumindest solange sie so formuliert ist, dass sie der Cyberpolizei und ihrer Kontrollsoftware nicht sofort auffällt. Steht ein Blogeintrag erst einmal eine Weile im Web, wird er oft weiterkopiert und ist dann kaum noch wieder einzufangen.

April bis Juni 2011 inhaftiert und hatte bis 2015 Reiseverbot.

Ai-Weiwei
Study of Perspective in Glass 2018
Ai-Weiwei
Study of Perspective in Glass 2018