fine art contemporary
./fotos_neu/91512.l.jpeg

Ludwig Heinrich Jungnickel

1881 Wunsiedel - 1965 Wien

Biographie  Email

Blick auf den Hafen von Rotterdam um 1927

Öl auf Leinwand
60,5 x 80,5 cm
Signiert links oben und Mitte unten: L. H. JUNGNICKEL
Rückseitig auf Keilrahmen bezeichnet und betitelt: LH. JUNGNICKEL Hafen von Rotterdam (kaum leserlich)

Provenienz

Galerie St. Etienne, New York; Privatbesitz USA

Literatur

Vgl.: Ilse Spielvogel-Bodo, Ludwig Heinrich Jungnickel. Ein Leben für die Kunst, Klagenfurt 2000, Abb. S. 170; Österreichische Galerie Belvedere (Hg.), Kunst des 20. Jahrhunderts. Bestandskatalog der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien, Band 2, Wien 1995, S. 185 ff.
Preis auf Anfrage!

Langtext

Ludwig Heinrich Jungnickel gilt heute als einer der bedeutendsten österreichischen Maler, der bis weit über die Grenzen hinaus große Anerkennung erlangen konnte. Er wurde 1881 in Bayern geboren und verließ mit nur 16 Jahren seine Familie, um über die Alpen nach Österreich zu wandern. Nach kurzen Studienaufenthalten in Rom und an der Akademie der bildenden Künste in Wien, ließ er sich in der Bundeshauptstadt nieder. Jungnickels Frühwerk, geprägt durch seine Freundschaft mit Gustav Klimt wurzelt im Wiener Jugendstil, was sich in einem bemerkenswerten druckgrafischen Werk niederschlägt. Um 1909/1910 gelang ihm der internationale Durchbruch, der ihm auch eine Professur an der Kunstgewerbeschule in Frankfurt am Main mit sich brachte. Stilistisch entwickelt er sich in den Folgejahren weg vom secessionistischen Flächenstil hin zu einer neuen, expressionistischen Ausdrucksweise. Die Jahre von 1938 bis 1952 verbrachte der Künstler von den politischen Umständen gezwungen in ärmlichen Verhältnissen in Opatija (Abbazia). Er wurde 1942 in Abwesenheit wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ angeklagt und mit Ausstellungsverbot belegt; sein Wiener Atelier beschlagnahmte die Gestapo. Erst 1952 gelang es dem Künstler nach Österreich zurückzukehren, wo er sich in Villach niederließ. Die Albertina Wien und das Joanneum Graz veranstalteten große Personalausstellungen, 1958 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Der Künstler starb 1965 in Wien. Ludwig Heinrich Jungnickel schafft neben seinen berühmten Tierdarstellungen wunderbare, expressive Landschaftsbilder, wovon jene aus den zwanziger Jahren zu den Besten innerhalb seines Oeuvres zu zählen sind. Im Jahr 1927 hält sich der Künstler anlässlich der in den Niederlanden gezeigten Wanderausstellung „Moderne österreichische Kunst“ einige Zeit in Rotterdam auf. In der lebendigen Hafenstadt fasziniert ihn das rege Treiben an der Maas so sehr, dass nachweislich zumindest drei Ölgemälde zu diesem Thema entstehen. In nebenstehendem Bild wählt er einen Ausschnitt Blickrichtung Osten, mit Sicht auf die 1877 errichtete Eisenbahnbrücke, die Willemsspoorbrug. Der mit seinen fünf Bögen markante Bau war die Verlängerung der Koningshavenbrug, der Hebebrücke rechts hinten im Bild, und wurde 1994 nach dem Bau des Willemssportunnels abgerissen. Von einem erhöhten Standpunkt aus, einen kleinen Seitenarm unter sich, schildert Jungnickel gleichsam aus der Vogelperspektive das Geschehen am Fluss. Riesige Fracht- und Dampfschiffe fahren die Maas entlang oder haben am Hafen angelegt, um ihre Ware ein- und auszuladen. Während der Fluss und der Himmel sehr expressiv und lebendig gemalt sind, hat der Künstler die Schiffe im Vordergrund mit schwarzen Umrisslinien konturiert und betont so ihre Massigkeit. Dichte Rauchschwaden steigen in den dramatisch beleuchteten Himmel. Der schwarze und graurosa Dampf aus den Schornsteinen der Schiffe vermengt sich mit den durch die Sonne gelblich verfärbten Wolken. Die Lichtreflexe des Himmels spiegeln sich im Fluss wider, die Übergänge zwischen Wasser, Erde und Himmel verschwimmen. Auf der Leinwand breitet sich eine einzigartige, dichtgewebte Atmosphäre aus, die es versteht, die charakteristische Stimmung Rotterdams wiederzugeben. In künstlerischer Qualität und Progressivität steht Jungnickel mit Werken wie diesem den berühmten Städtebildern Oskar Kokoschkas in nichts nach. Auch in dessen Bildern finden wir die Betrachtung aus der Vogelperspektive, die expressive Überhöhung des Motivs gepaart mit einer übersteigerten Farbigkeit, die über die gesamte Bildfläche gelegt die Grenzen zwischen Natur und gebauter Architektur verschwimmen lässt. Ludwig Heinrich Jungnickel beweist sich hier also als Expressionist der ersten Stunde von internationalem Rang.